MICKY BERRESHEIM`S MUSIC CORNER YEAH YEAH YEAH II

MICKY BERRESHEIM`S MUSIC CORNER
YEAH YEAH YEAH II von John Lupo
Die 60er Jahre: I can’t get no satisfaction oder so!

Im Jahr 1960 war Rock’N’Roll ein Koma-Patient, den man mit künstlicher Beatmung am Leben erhielt, und Balladen bestimmten das Geschehen im Pop. Nachdem es Mitte der Fünfziger so ausgesehen hatte, als käme da etwas, das Schwung in das dröge Leben der Teenager brächte, schien
mit Beginn der neuen Dekade schon wieder alles vorbei. Langweilige Barden wie Fabian und Del Shannon beherrschten das Bild. Dann kam ein farbiger Sänger namens Chubby Checker mit einer lausigen, aber immerhin lebhaften Scheibe daher, und sie wurde das ganz große Ding. Die Seuche
namens Twist brach aus und verbreitete sich, und Chubby Checker wurde der Führer dieser Bewegung. Er war der erste der Lemminge, der sich über den Klippenrand stürzte, und alle anderen kamen herbei und stürzten ihm nach. Doch die hektischen, schnellebigen Sechziger brachten in der
Folge einen so unbeschreiblich großen Haufen Mist hervor, daß der Twist noch geradezu harmlos erscheint. Gigantische musikalische Fehlleistungen wie Yummy Yummy vom Ohio Express oder Don’t Ha Ha von Casey Jones & The Governors erschienen in diesem Jahrzehnt. Nicht die Morde an Prominenten wie John F. Kennedy, sondern Songs wie Silence Is Golden von den Tremoloes und House Of The Rising Sun in der Version der Animals waren die wirklichen Missetaten der 60er Jahre. Doch begangen wurden sie von musikalisch Kleinkriminellen, die gegen barbarische Wiederholungstäter wie die Beatles zu mikroskopischer Winzigkeit schrumpfen.

Die Beatles waren zu Beginn der 60er Jahre eine unbedeutende, kleine, lausige Band von sehr begrenzten Fähigkeiten und sind es bis zu ihrem Ende geblieben. Ihre allerersten Schallplattenaufnahmen, darunter auch Ain’t She Sweet, waren bereits ganz und gar unerträglich, und von da an arbeiteten sie an sich, um diese Unerträglichkeit zu perfektionieren und zum Prinzip zu erheben. Völlig zu recht, wie ich meine, lehnte die Plattenfirma Decca ihr eingereichtes Demo-Tape ab, und der verantwortliche A&RMann hat dafür eine Medaille verdient. Andere nämlich waren nicht so clever und geschmackssicher wie er, so daß John, Paul, George und Eberhard einen Plattenvertrag
erhielten. Damit wurden sie in die Lage versetzt, von ihrem Unvermögen zu leben und ihren widerlichen Sud zu verbreiten. Heraus kam durchweg Schreckliches, echte Gehörgangszerstörer, die, einmal eingedrungen, kaum je wieder zu entfernen sind. Songs wie She Loves You, A Hard Days Night und schließlich, als Krönung, ein tönender Monolith geigengebögelten Unflats namens Yesterday. Niemand schritt ein. Die Welt hatte beschlossen, mit der Krankheit zu leben. Die Vier kamen einfach davon. Ein schwerer Fehler, denn sie fühlten sich zu noch weit Größerem berufen. Nicht einfach nur Platten, sondern Kunst wollten sie machen.

Auf dem Album Revolver deuteten sie bereits an, wozu sie eines Tages fähig sein würden. Es war, als ob ein Scharlatan wie Picasso sich plötzlich für einen Michelangelo gehalten hätte oder ein Typ wie Ottfried Fischer für sexy. Unglaublich, aber die Beatles dachten, sie seien vielleicht mehr als die Beatles und begannen, ausgeklügelte, kleine Sinfonien wie Eleanor Rigby vom Stapel zu lassen.

1967 dann ließen sie die Katze aus dem Sack. Sie kitschten Kammermusik, indische Musik, Blasmusik und alles andere, wenn es nur seltsam und abwegig war, samt einer Flut von Soundschnipseleien und Rückwärtsschleifen zu einem unerträglichen Mischmasch zusammen, bis sich die Unerträglichkeit dieses Unsinns einfach nicht mehr steigern ließ, preßten ihn dreist auf Vinyl und gaben dem Unfug mit Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band einen passenden Namen. Die Songs waren nicht aus den Fugen, sondern in die Fugen geraten, und ihre kranken Schöpfer kamen sich toll und wegweisend vor. Oh, das war nicht einfach Kunst, sondern KUNST! Und wie es sich für große Kunst gehört, war sie zum Sterben langweilig. In normaleren Zeiten wären die Jungs für ein solches Delikt unverzüglich ins Zuchthaus gekommen, doch in den debilen Sechzigern pries man die vier als Genies.

Und sie gaben noch immer nicht Ruhe, sondern machten munter auf dem einmal beschrittenen Weg weiter. Niemand lachte sie aus, niemand gab ihnen die Kugel. Auf dem Weißen Album fand sich ein pathologisches Unding namens Number 9, an dem sich das volle Ausmaß ihre mentalen Defekte
ablesen ließ. Selbst ein mit Schweinen beladener LKW, der mit 140 Stundenkilometern in eine Gruppe von Rollstuhlfahrern rast, erzeugt schönere Geräusche als die, welche John, Paul, Georg und Eberhard der Welt mit Number 9 aufbürdeten. Doch mittlerweile waren sie so einflußreich, daß man ihnen grundsätzlich alles verzieh. Sie hätten ihre Fürze als Parfüm in Flaschen füllen können, die Flakons
hätten reißenden Absatz gefunden.

Zwischenzeitlich waren sie bei einem Guru in Indien gewesen und nach ihrer Rückkehr selbst zu Gurus geworden, zu bartbestandenen Mystikern, zu Heiligen der Güteklasse C, zum Nonplusultra der Hohlheit. Und alle Welt äffte sie nach. Die Gurus in Indien mußten schließlich ihre Kapazitäten vergrößern und Sonderschichten fahren. Bei der Flut von Popmusikern, die ins Land schwappte, kamen sie fast nicht mehr nach. Sie machten das Geschäft ihres Lebens. Jeder, der auch nur eine Räucherkerze besaß, konnte bequem davon leben, daß er grenzdebile Popstars um sich
scharte.

Doch nach Sergeant Pepper ging es mit den Beatles bergab. Weihnachten 1967 hatte ihr erster selbstproduzierter Film, Magical Mystery Tour, Premiere, und er war schlecht. Es war ihr erster Fehlschlag, aber trotzdem verdienten sie auch damit noch Geld. Der Film machte deutlich, daß sie
tatsächlich nichts draufhatten, daß sie überschätzt worden waren, doch es machte nichts aus. Sie waren eine Institution. Was sie taten, spielte überhaupt keine Rolle. Was sie zu Fall bringen sollte, war etwas anderes. Die vier Jungs langweilten sich, und Eberhard, ihr Drummer, brachte die Situation einmal gekonnt auf den Punkt. Als er in einem Interview gebeten wurde, das Leben als Beatle in einem Satz
zusammenzufassen, war seine Antwort: „Ich gehe rüber in Johns Haus, um mit seinen Spielsachen zu spielen, und manchmal kommt er zu mir, um mit meinen zu spielen.“

Es war tragisch. Vier Männer stellten urplötzlich fest, daß sie inzwischen erwachsen waren, aber keinen anständigen Beruf erlernt hatten. Sie waren dazu verdammt, weiterhin Platten zu machen, hatten aber die Lust an diesem Spielchen verloren. Zu allem Überfluß hatte sich John in ein japanisches Affenweibchen namens Yoko verliebt und lag nackt mit ihm in Hotelzimmern rum. Die Presse fand es spannend und machte Fotos davon. „Warum nicht?“ dachte man. „Die Hauptsache ist doch, er hat Beschäftigung und schreibt keine Songs.“ Ein Irrtum, wie sich herausstellen sollte. Es kam jetzt die Zeit, in der John mit seinen größten Belanglosigkeiten aufwartete, kolossale Banalitäten, die er aus einem spleenigen Nichts zusammensponn. Seine Songs waren nicht mal mehr nervig, sondern einfach nur öde.

Auch den anderen drei Beatles erging es nicht besser. Nur so, um die Zeit totzuschlagen, beschloß Paul, das japanische Affenweibchen zu hassen. George ließ sich von Eric Clapton die Gattin ausspannen, und Eberhard machte, was Drummer besonders gut können: Er fing an zu saufen. Ach ja, zu guter Letzt brachten sie noch das Album Let It Be heraus, dann, gottlob, war es vorbei. Die Beatles lösten sich auf und waren Geschichte. Aber sie waren nicht die einzigen, die sich in den unzulänglichen Gedanken verrannten, sie besäßen Talent. Denn zeitgleich mit ihnen hatte es auch
die Rolling Stones nach oben geschwemmt.

Mit ihrer ersten Single, Come On, landeten die Stones einen winzigen Hit, der es bis auf Platz 21 der englischen Hitliste brachte. Es war ein schönes, kleines Stück. Nichts Besonderes, aber auch nichts, was man ihnen vorwerfen konnte. Der Song klang angenehm im Ohr. Dummerweise beschlossen sie weiterzumachen.

Ihre zweite Single, I Wanna Be Your Man, aus der Feder von John Lennon und Paul McCartney, war lausig und stieg bis auf Platz 12 der britischen Charts. Auch in der Folge ging es mit der Qualität immer weiter bergab, aber mit der Karriere nach oben. Zu ihren widerlichsten Songs gehört Yesterday Papers, ein akustisches Brechmittel allererster Kajüte.

Der Grund dafür, daß sie nicht in der Lage waren, Gutes zu schaffen, ist der, daß sie einfach keine Musiker sind. Sie sind Typen, die ihren Spaß haben wollen – bühnengeil und exhibitionistisch. Nicht die Musik ist ihnen wichtig, sondern der Ruhm. Konsequenterweise waren sie daher auch nicht wegen ihrer Platten, sondern in erster Linie aufgrund ihrer Eskapaden in den Gazetten vertreten. Mick Jagger, ihr Sänger, wurde mit Marihuana erwischt, Keith Richards war besoffen aus irgendeinem Flugzeug gefallen, Brian Jones, ihr Ballettänzer, stellte in seinem Swimming Pool einen neuen Rekord im Luftanhalten auf. Dann gab es da noch Bill Wyman (Baß) und Charlie Watts (Schlagzeug), aber die
waren so langweilig, daß es, hätte man sie beseitigt und in einem Erdloch verscharrt, nicht einmal ihren Müttern oder Frauen aufgefallen wäre, daß sie nicht mehr existierten.

Vielmehr ist über die Rolling Stones nicht zu sagen. Sie hatten in den Siebzigern kurzzeitig einen neuen Gitarristen namens Mick Taylor, der die Band jedoch schnell wieder verließ, weil er sie unattraktiv und langweilig fand. Er wurde von Ron Wood ersetzt, und noch immer machen sie Platten. Ab und zu hört man von ihnen, weil Mick Jagger wieder mal ein Rudel Starlets geschwängert hat oder der inzwischen senile Keith Richards in seiner Bibliothek von einer Leiter stürzt. Sie gehen noch immer auf Tour und muten an wie ein König, der den Zeitpunkt zum Abdanken verpaßt hat und in seiner Verlegenheit beschließt, einfach immer weiterzumachen. Aber was soll’s, es gibt Schlimmeres
als sie. Zum Beispiel die folgende Band.

England hatte es in den Swinging Sixties wahrlich nicht leicht. Das Wetter und das Essen waren schlecht wie eh und je, und nun kam auch noch der Pop mit seinen schrillen Attitüden hinzu. Zeitweise lebten in London mehr Menschen mit Plattenvertrag als die Stadt Einwohner hatte. Wer noch im Jahrzehnt zuvor Gefahr gelaufen wäre, wegen genereller Unbrauchbarkeit für die Gesellschaft eingeschläfert zu werden, ließ sich die Haare langwachsen, pflegte seine Pickel, stellte sich auf dem Flohmarkt seine Garderobe aus mottenzerfressenen Lumpen zusammen und nahm anschließend Schallplatten auf. Die Briten selbst duldeten dies, denn sie sahen darin einen Ausdruck ihres schwarzen Humors. Und um zu beweisen, wie schwarz Humor sein kann, wenn man ihn ins Gigantische steigert, und auch, um sich an der Welt für den Zusammenbruch ihres Empires zu rächen, klaubten sie ein paar besonders unansehnliche Teenager von der Straße und steckten sie in ein Aufnahmestudio. Heraus kam ein Song mit dem Titel A Whiter Shade Of Pale, der gute Chancen hatte, den ersten Preis für die Tonaufnahme mit dem unsinnigsten Text aller Zeiten zu bekommen. (Den Preis gewann dann viele, viele Jahre später Tanita Tikaram mit Twist In My Sobriety.) Die Gruppe nannte sich Procol Harum, und die Bandmitglieder waren dermaßen häßlich, daß der Glöckner von Notre-Dame im Vergleich zu ihnen wie James Dean rüberkam. 1978 – Procol Harum hatten sich längst aufgelöst – erhielten sie zu allem Überfluß den Britannia-Award mit der Begründung, A Whiter Shade Of Pale sei die beste Single, die in den letzten fünfundzwanzig Jahren in England auf den Markt
gekommen sei. Bereits zuvor, nämlich 1969, hatten Wissenschaftler herausgefunden, daß die Jungs von Procol Harum in Wirklichkeit Neandertaler waren, die Satan ins zwanzigste Jahrhundert gebeamt hatte, um die Menschheit bis aufs Messer zu quälen. Kurioserweise fielen sie weiter nicht auf, denn alle anderen damaligen britischen Gruppen wirkten genauso wie sie. Satans Plan erwies sich somit als Flop. Die Menschheit hatte sich längst ihre eigenen, nicht minder schrecklichen Geißeln erschaffen. Eine davon war ein greinender Protestsänger, der zur Gitarre und dem Sound einer defekten Mundharmonika plärrte.

Vor Bob Dylan war Pop zwar eine Krankheit, aber beileibe noch nicht tödlich gewesen. Die Texte waren bis dato banal und schwachsinnig, durchweg blödes, holpriges Zeug. Aber für Teenager mit einem IQ, der auch dann nicht dreistellig wurde, wenn man ihn mit sich selbst multiplizierte, waren
Liedinhalte wie I’m in love with Betty but Betty is in love with Pete gerade eben noch verständlich gewesen. Dann aber kam Dylan mit Texten, die auf Teenager so kompliziert und komplex wie die Ilias wirkten. Er verwendete Worte, die mehr als zwei Silben besaßen, und das war neu, ein ungeheuer cleverer Schachzug. Denn von nun an konnten sich Kids, wenn sie seine Platten hörten, einreden, sie hätten tatsächlich was im Schädel. In Wirklichkeit machte es ihre Defizite nur noch offensichtlicher. Dylans Texte waren nichts als heiße Luft, aber er blähte sie auf, stylte sie wie ein Wahnsinniger, bis seine Schwachsinnigkeiten wie große Weisheiten klangen, und die Kids in aller Welt, aknegesichtig
und verbittert, hingen an seinen Lippen und sahen in Dylan einen Propheten. Und es kam noch viel schlimmer.

Die anderen Popstars wie die Rolling Stones, die Beatles und die Doors taten es ihm nach, reimten hohlen, sinnentleerten Blödsinn zusammen und gingen damit wie Lexikonvertreter hausieren oder spielten sich als Dichterfürsten auf. Aber es funktionierte! Unter Analphabeten ist der Legastheniker König. Das eigentliche Verbrechen von Bob Dylan besteht jedoch darin, daß er eine heuchlerische Moral in die Popmusik brachte. Seine Songs waren anti-Krieg, anti-Establishment, anti-Kapitalismus. Aber leider waren sie nicht anti-anti, und genau das war es, was sie einfach unerträglich machte. Dylan wollte Botschaften vermitteln, deshalb wurden seine Liedchen fade und lang. Bei geistig intakten Menschen hinterließen sie einen schlechten Geschmack, so als habe man aus dem Urinal einer Bahnhofstoilette getrunken. Andere dagegen mochten diesen Geschmack, und so verkaufte Dylan Millionen von Platten, scheffelte Kohle und wurde zum großen Messias des Pop. Mit dem Unterschied, daß sich diesmal die Jünger aufs Kreuz legen ließen und der Messias selbst ungeschoren davonkam. Wenden wir uns aber noch einmal den Engländern zu. Dort hatte kurz zuvor ein Typ namens Pete Townsend eine Kapelle gegründet, und ihr Manager Kit Lambert gab ihnen den witziggemeinten Namen The Who.

The Who waren Mods, und Mods waren sauber gekämmte, kleine Schwuchteln, die Psychopharmaka
schluckten wie andere Leute Gummibären und auf Motorrollern durch die Gegend eierten. Heutzutage würde man Deppen zu dieser Art von Jugendlichen sagen, damals aber galt ihr Image als cool. Auch The Who waren ganz auf Äußerlichkeiten fixierte Kretins, deren Friseurtermine mehr Zeit in Anspruch nahmen als ihre Plattenaufnahmen. Und genauso hörten sich die Scheiben auch an. Sie hatten einige Hits, die keinem groß wehtaten, dann jedoch meinte Pete Townsend, ihr Gitarrist, sich wie Bob Dylan wichtigmachen zu müssen, komponierte eine Pop-Oper und nannte sie Tommy. Sie handelte von einem blinden und taubstummen Jungen, der zum Flipperkönig avanciert. Naja, die Oper
hätte auch von einem Teenager ohne Beine handeln können, der Radrenn-Weltmeister wird. Townsend hatte nicht viel in der Birne, bei all den Pillen, die er immerzu schluckte, es hätte also wirklich schlimmer kommen können. Doch so oder so, Tommy erschien, und spätestens jetzt hätte die
Regierung per einstweiliger Erschießung einschreiten müssen, tat es aber nicht. Townsend durfte weitermachen, unglaublich! Es war, als hätte die Welt beschlossen, einen Serienkiller frei herumlaufen und weitermorden zu lassen. Single auf Single wurde ausgekoppelt aus diesem musikalischem
Schwachwerk, von denen See Me, Feel Me die erfolgreichste und bescheuertste war. Als dann auch noch Keith Moon, ihr Drummer, starb, der – genau wie Eberhard bei den Beatles – wenigstens ein bißchen Spaß in die Sache gebracht und die Unerträglichkeit ein wenig abgemildert hatte, war es vorbei mit The Who. Sie bleiben in Erinnerung als etwas, das endlich überwunden ist, wie eine schwerwiegende Krankheit zum Beispiel. Man steht von seinem Krankenlager auf und schöpft wieder Hoffnung. Um kurz darauf erneut zu erkranken, doch diesmal noch viel schlimmer – an einem Virus namens The Doors.

Die Doors, das war vor allem Jim Morrison, ihr Sänger, der alles flachlegte, was nicht schnell genug auf die Bäume kam, und schmale Gedichtbändchen liebte. In Los Angeles traf er auf drei Musiker, deren Talent nicht mal ausgereicht hätte, um ein Dorffest musikalisch zu begleiten, aber Morrison mimte den Nietzsche und hatte vielleicht auch mal einen VHS-Kurs über Pyschoanalyse besucht, und es haute hin, die Doors kamen an.

Morrison sang von den Freuden, mit der eigenen Mutter in die Kissen zu hüpfen, von Vatermord und ähnlich fröhlichen, heiter stimmenden Dingen. Hauptsächlich aber verführte er Mädchen. Wenn er nicht gerade seinen Hintern entblößte oder aus dem Fenster irgendeines Hotelzimmers fiel. Wenn er nüchtern genug war, um den Weg auf die Bühne zu finden, führte er sich dort wie ein Dreijähriger auf
und warf sich zu Boden. Die Menschen in den USA litten zu dieser Zeit unter dem Trauma von Vietnam, Komiker waren daher besonders gefragt. Oder er schrie, weil seine Lederhose wieder mal zu eng war und schmerzte, und jedesmal war das Publikum sichtlich beeindruckt. Es bekam nicht immer die Gelegenheit, einem Vollblutspastiker bei der Arbeit zuzusehen. Jim Morrison wurde ein Star.

Eine der komischsten Aufnahmen der Doors war ein Song namens The End, den die Plattenfirma mit dem Slogan promotete, jeder Käufer bekäme eine fette Belohnung, wenn er es nachweislich schaffe, sich das Stück über die volle Länge anzuhören. Aber natürlich war das völlig unmöglich. Ebensogut hätte man eine Prämie dafür ausschreiben können, ein Bierfaß voll Gülle auf ex auszutrinken.

Aber vergessen wir die Doors und Jim Morrison, es gab schließlich noch weitere Narren, unter anderem einen krauslockigen Schwarzen, der seinen Minderwertigkeitskomplex durchs Gitarrespielen zu lösen versuchte – Jimi Hendrix.

Schon zu Lebzeiten nervte er mit seinem Gedudel, das vor allem aus kindischen Rückkopplungseffekten und manieriertem Saitenquälen bestand. Seit seinem viel zu späten Tod im Jahre 1970 aber ist er unerträglich geworden. Immer dann, wenn man glaubt, jetzt ist endgültig auch der letzte Schnipsel der allerletzten Hendrix-Aufnahme veröffentlicht worden, findet irgendein geldgeiler Musikarchäologe in einem von der Welt abgeschlossenen, dunklen Archiv doch noch irgendeinen dreißigsekündigen Fetzen Hendrix-Musik, und sofort werden neue Hendrix-CDBoxen
zusammengestellt, sämtliche 2.387 bisher erschienenen Alben neu kompiliert und remixt, mit neuen Plattencovern versehen und eilig auf den Markt geworfen. Man erhält den Eindruck, er gäbe mehr CDs von Hendrix als Sandkörner in der Sahara. Was uns zu folgender Überlegung führt: Sollte der ganze Schrott, der von Hendrix bis dato veröffentlicht wurde, tatsächlich von ihm stammen, müßte er – addiert man die Songlängen – 122 Jahre lang nichts anderes gemacht haben, als täglich 24 Stunden lang im Studio zu stehen. Und dann kommen auch noch die Myriaden von Live-Platten dazu: Jimi Hendrix live im Fillmore West. Jimi Hendrix live im Fillmore East. Auf der Isle-of-Wight. Im Star-Club. Jimi Hendrix live im Whisky à GoGo, in der ZDF-Hitparade, im Yak-Club von Ulan Bator, in der Fußgängerzone von Lemgo. Die Folge dieser Veröffentlichungspolitik haben insbesondere die Plattengeschäfte zu spüren bekommen. Jede größere Saturn- oder WOM-Filiale wurde inzwischen mit einem zweiten Gebäude versehen, nur um dort die Flut von Hendrix-Veröffentlichungen unterbringen zu können.

Daß ein in unerträgliche Geräusche verliebter Gitarrist wie Hendrix populär werden konnte, hatte natürlich mit einem immer masochistischer werdenden Publikum zu tun. Und weil ihnen der Zweite Weltkrieg mehr oder minder vorenthalten worden war, kreierten sie nun selbst ihre ganz persönliche
Geißel und nannten sie Woodstock.

Drei Tage lang harrten sie, abwechselnd bei Hitze und strömendem Regen, auf einem Weideacker in der US-amerikanischen Provinz aus, rauchten Hasch und suhlten sich im Matsch. Anstatt dagegen anzugehen, Protest über die Unzu-mutbarkeit der Umstände anzumelden, weil man inzwischen bis zu den Knien in Pisse steht, freuen sie sich wie die Weltmeister und geben sich anschließend stolz, bei
diesem Ereignis dabeigewesen zu sein. Nur weil ein paar Bands, die zum Kulturerbe der Menschheit genauso viel beigetragen haben wie der Erfinder der Spraydose zur Verschöne-rung der Städte, auf einer weit entfernten Bühne stehen und mit ihren Instrumenten Schindluder treiben. So doof kann nur die Jugend sein! Dabei war das Woodstock-Festival nicht anderes als eine aus dem Ruder gelaufene
Tanztee-Veranstaltung, und die Acts, die auftraten, nicht sonderlich spektakulär. Genaugenommen langweilten sie bloß. Aber die jungen, geistig verwirrten Menschen erlebten das Ge-fühl, eine starke Gemeinschaft zu sein, und dafür nahmen sie die ganzen Strapazen gerne in Kauf. Klar, viele von ih-nen dachten zwar, die Veranstaltung wäre leichter zu ertragen, wenn nicht die ganze Zeit hindurch die
Musik plärren würde, aber sie waren nicht wirklich empört über das, was die vermeintlichen Künstler dort oben auf der Bühne ablieferten. Sie nahmen es hin, warfen solange Trips ein, bis sie die Musik gar nicht mehr wahrnahmen, harrten irgendwie aus und überlebten die Chose. Nur – nach den drei Tagen war es keineswegs vorbei. Woodstock und die Hippie-Kultur wurden vermarktet, bald liefen überall Teens mit einem dümmlichen Grinsen herum, waren bis oben voll Pot und steckten sich Blumen ins Haar. Rockige Gruppen fingen an, Lieder für den Frieden zu schreiben, jeder liebte
jeden, aber jeder langweilte sich. Die Alchimisten, sprich Plattenkonzerne, waren endlich am Ziel: Sie hatten aus Scheiße Gold gemacht. Doch es sollte noch viel schlimmer kommen. John Lennon kehrte auf die Bühne zurück.

Der Fall John Lennon zeigt, wohin der Stardom eines Popstars führen kann: zu Sehstörungen. Durch jahrelangen Drogenkonsum der Realität zur Gänze entfremdet, nahm sich John Lennon nicht, wie es sich für einen Popstar gehört hätte, etwa ein Supermodel zur Frau, sondern ließ sich ausgerechnet
von einem Wesen betören, dem die Degeneration wie ein mißlungenes Tattoo auf der Stirn geschrieben stand: Yoko Ono. Eine Frau, so betörend schön wie eine Unterleibszyste. Weshalb sie nichts Eiligeres zu tun hatte, als sich mit John für das Cover einer gemeinsamen Platte nackt ablichten zu lassen und dieses Machwerk Virgin (Opfer) zu nennen. Das bezog sich auf alle, die dieses Covers ansichtig wurden, ohne daß Gott sie zuvor mit der Gnade des Blindseins versah. Und nicht nur, daß Yoko musikalischen Einfluß auf ihren Gatten nahm, der unter ihrer Regie nun vom Rock’N‘Roller zum Körnerfresser mutierte, nein, sie zeugten auch gleich zwei neue Seuchen, häßliche Bälger, die sich ebenfalls ins Musikbusiness verirrten und dort noch viel schrecklichere Dinge als ihre äffische Mutter begingen.

Von ganz anderem Kaliber war ein Ding, das sich Soul-Musik nannte und vornehmlich schwarz war – eine Musikrichtung, die keuchende, ewig schwitzende Künstler wie James Brown und Otis Redding hervorbringen sollte.

Das Beste an der Soulmusik sind noch immer die Künstler, denn viele von ihnen sind blind. War die Gattin von Stevie Wonder sauer auf ihn, verrückte sie in der gemeinsamen Wohnung die Möbel, und brachte damit den Spaß zurück in den Pop. Manchmal ging sie auch zu ihrer Freundin hinüber, der Frau von Ray Charles, und sie machten dort dann dasselbe. Erfrischender, herrlich schwarzer
Humor.

Auch auf der Bühne waren die Soulstars immer sehr lustig. Ob James Brown, Gladys Knight, Ike & Tina Turner, die Four Tops oder Smokey Robinson – es war immer dasselbe: Sie schwitzten und schrien und initiierten seltsame Riten, bei denen sie die eigentliche Arbeit dem zahlenden Publikum aufbürdeten:

„Do you feel allright?“
„Yeah!“
„Let me hear you say YEAH!“
„YEAH!“
„No, let me hear you say YEAH louder!“

Und immer so weiter, bis es einem wirklich zum Hals heraus hing. Positiv hervorheben möchte ich lediglich Ike Turner, der vorausschauend genug war, seiner Frau Tina für ihre späteren Solo-Platten schon mal prophylaktisch was aufs Maul zu hauen. Gut gemacht, Ike!

10 weitere widerliche Songs der 60er Jahre:

1. Peter, Paul & Mary: Puff The Mighty Dragon
2. Bob Dylan: Blowing In The Wind
3. Scott McKenzie: San Francisco (Wear Some FlowersIn Your Hair)
4. Amen Corner: Hello Suzie
5. The Seeds: 900 Million People Daily All MakingLove
6. The Beatles: Michelle
7. Melanie: Ruby Tuesday
8. Iron Butterfly: In-A-Gadda-Da-Vida
9. The Turtles: Happy Together
10. John Fred & His Playboy Band: Judy In Disguise (With Glases)
Muschel Verlag/ Tacitus

MBO Media Gmbh
Felix Götzinger
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04.12.2010: |